Franziska Kusche et al. (2020) Buchrezension: „Silvia Rivera Cusicanqui: Ch‘ixinakax utxiwa. Eine Reflexion über Praktiken und Diskurse der Dekolonisierung“

by userbiomat

Buchrezension zu „Silvia Rivera Cusicanqui: Ch‘ixinakax utxiwa. Eine Reflexion über Praktiken und Diskurse der Dekolonisierung“:

Dekoloniale Perspektiven erleben in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum eine gewisse Popularität. Die zumeist aus Lateinamerika stammenden Analysen beziehen sich vorwiegend auf die Arbeiten der in den 1990er Jahren gebildeten Gruppe Modernität/Kolonialität oder schließen an die zentralen Arbeiten des unlängst verstorbenen peruanischen Soziologen Aníbal Quijano und seinem Konzept der Kolonialität an.

Diese im deutschen Sprachraum bisher zugänglich gemachten Texte erfahren mit der Erstübersetzung von Arbeiten der bolivianischen Aktivistin und Soziologin Silvia Rivera Cusicanqui eine wichtige interne Kritik und Erweiterung. Im vorliegenden Buch sind drei Texte aus verschiedenen Produktionsperioden der Autorin zusammengestellt. Erweitert wird diese Kompilation um ihren von den Übersetzer_innen klug ausgewählten, umfangreichen und bisher unveröffentlichten Artikel „Der Begriff der ‚Rechte‘ und die Widersprüche der postkolonialen Moderne“, um eine ausführliche Einführung in das Leben und Werk Cusicanquis bzw. in die grundlegenden Konzepte und Kritiken und um ein Glossar, welches Begriffe des dekolonialen Kanons wie auch des bolivianischen Kontextes erklärt.

Cusicanqui schöpft ihre Perspektive vor allem aus dem ontologischen Horizont der Aymara und aus dem von Pablo González Casanova in den 1960er Jahren formulierten Konzept des „internen Kolonialismus“, mit dem sie die Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen kolonialer und antikolonialer Kämpfe zu erklären versucht. Gerade diese Konfrontation auf ontologischer Ebene macht die Autorin auch für europäische Kontexte besonders relevant. Die ersten beiden Essays, „Das andere zweihundertjährige Jubiläum“ und „Soziologie des Bildes“, skizzieren wichtige Einsatzpunkte eines Denkens auf der Seite der kolonial Unterworfenen, deren Konzepte als Quellen eines politischen Kampfes gedeutet werden. Cusicanqui stellt dabei die hegemoniale eurozentrische Geschichtsschreibung sowohl hinsichtlich ihrer linearen Zeitlichkeit als auch ihrer dominanten Schrifterzählung in Frage, indem sie die Ko-Existenz und Verwobenheit antikolonialer Widerstände in der Praxis der Aymara aufzeigt. Ebenso zeigt sie, welche Rolle die Analyse der Bilder des frühneuzeitlichen indigenen Chronisten Puma de Ayala für die Infragestellung der hegemonialen Geschichtsschreibung spielt, denn „Worten kommt im Kolonialismus eine spezielle Rolle zu: sie benennen nicht, sondern sie verschleiern“ (42).

Der zentrale dritte Text „Ch‘ixinakax utxiwa“ steht in einer doppelten Frontstellung: gegen den postmodernen Diskurs von Multikulturalität und Modernisierung sowie gegen die Essenzialisierung von Indigenität. Cusicanqui distanziert sich darin vom neuen dekolonialen Mainstream, der für sie einen bloßen Austausch und eine Neubestückung wissenschaftlicher Kanons darstellt.

In allen drei Texten kritisiert sie auf unterschiedliche Weise akademische Arbeitsweisen und ein sich immer wieder auf sich selbst referierendes Verständnis, auch ihrer „dekolonialen Kollegen“. Es werde eine Theorie ohne Praxis dargestellt, welche die Ursprünge und Verarbeitung von Wissen und Praktiken ihren gesellschaftlichen Kämpfen entreißt und sie als Errungenschaft des akademischen Geistes darstellt. Gegen die universalisierenden Konzepte europäischer Provenienz, auch in Marxismen, sucht Cusicanqui in Theorie und Praxis die Anerkennung und Wertschätzung der ontologischen Differenz der Kolonisierten, geprägt von internen Widersprüchen und Konfrontationen, die es nicht zu verschmelzen oder aufzulösen, sondern zu verstehen gilt. Das Konzept des Ch‘ixi, das sich im Aymara auf ein in zwei entgegengesetzte Pole eingeschlossenes Drittes bezieht, ist der von der Autorin vorgeschlagene Begriff, um indigene Modernität und deren Kämpfe gegen bloß symbolische Zugeständnisse eines staatlichen Multikulturalismus bzw. die Formen einer akademischen Romantisierung der „edlen Wilden“ sichtbar zu machen.

Der in der deutschen Ausgabe angefügte vierte Text ergänzt die Darstellung von Cusicanquis Werk um ihre wichtige feministische Kritik, welche die spezifischen Ausschlüsse indigener Frauen sowohl durch die weiß und maskulin privilegierte Staatsbürgerschaft als auch durch die Formen männlich dominierter dekolonialer Kämpfe sichtbar macht.

Auch wenn diese Übersetzung nur einen kleinen Einblick in das Werk Cusicanquis ermöglicht, ist sie hochaktuell. Denn einerseits hilft sie, zu verstehen, warum es indigener Politik in Gestalt des Movimiento al Socialismo (MAS) zwar gelang, in die bolivianischen Staatsapparate einzudringen, sie dort aber weiterhin koloniale Praktiken reproduziert. Andererseits stellt Cusicanquis Arbeit eine wichtige Intervention in eine dekoloniale Auseinandersetzung dar, in der männliche Akademiker wie Aníbal Quijano, Enrique Dussel und Walter Mignolo in kritischen Kreisen europäischer Zentren aufgrund ihres marxistischen Hintergrundes wesentlich leichter anschlussfähig an okzidentale Sozialtheorien waren. Die Schaffung dieses „neuen“ Kanons gebiert die immer gleichen akademischen Erfolgsgeschichten, statt die Pluriversität zeitgenössischer Konstellationen komplexer gegenwärtiger Modernen zu erkennen und auch nicht-hegemoniale Perspektiven anti-kolonialer, anarchistischer, feministischer und sozial-ökologischer Strömungen sichtbar zu machen.

Dieses Buch zeigt trotz seines spezifischen bolivianischen Kontextes, dass dekoloniale Kritik nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Europa wesentlich tiefergreifende Veränderungen antreiben muss und sich nicht im Austausch eines Kanons gegen den nächsten erschöpfen darf.

 

Citation: Kusche, Franziska/Seidl, Gregor/Torres Heredia, Marcela: Silvia Rivera Cusicanqui: Ch‘ixinakax utxiwa. Eine Reflexion über Praktiken und Diskurse der Dekolonisierung. Münster: Unrast 2018, 147 Seiten, PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur, 3+4-2020, S. 501-502.

DOI: https://doi.org/10.3224/peripherie.v40i3-4.20

Link: https://www.budrich-journals.de/index.php/peripherie/article/view/36632